24 Aug

Globaler Schock als Marketingerfolg: HP’s aus für webOS und dessen folgender Erfolg

Die Pressemeldung war ein Schock.
Nicht nur für die Fangemeinde, die Kunden und die Presse, sondern auch für den größten Teil der Mitarbeiter, die bis dato nichts von der Entscheidung der obersten Firmenspitze erfahren hatten, dass Hewlett-Packard sich mit sofortiger Wirkung nicht nur vom Tablet-Markt, sondern auch aus den Bereichen PC Technik und Smartphones zurückziehen wird. Die komplette webOS Sparte wird eingestellt, sogar das erst wenige Wochen zuvor eingeführte TouchPad und der noch gar nicht wirklich erschienene Pre 3. Ein drastischer Schritt, gerade unter dem Gesichtspunkt, dass HP vor gut einem Jahr erst die Firma Palm für 1,2 Milliarde US Dollar aufgekauft hatte, eben um an dieses zukunftsweisende System webOS zu kommen.

 

Was war passiert? Das TouchPad war gerade erst 49 Tage im Handel erhältlich, die große Version mit 64GB Speicher sollte gerade eingeführt werden, warum also der Rückzug?
HP begründet die Entscheidung mit dem fehlenden Interesse der Käuferschaft an den Produkten, die gewünschten Verkaufszahlen wurden nicht ansatzweise erreicht. Ein Punkt, der auch schon Palm damals nahezu ruiniert hat.

 

Doch warum herrscht so wenig Interesse für diese Produkte, obwohl das System in der Fachpresse fortwährend gute Noten erhält? Nun, in diesem Sektor gibt es einen großen Gegner – Apple. Allein schon der zur Zeit kursierende Kult dieser Marke reicht aus, sämtlichen Mitbewerbern das Leben schwer zu machen. Selbst wenn die Produkte technisch gesehen bei weitem nicht konkurrenzfähig wären (siehe die ersten iPhone Modelle – technisch und funktionell weit hinter dem aktuellen Standard bei Smartphones und das teilweise bis heute), so sind sie doch in Sachen Image so hoch angesehen, um enorme Verkaufszahlen zu erreichen. Allein am ersten Tag seiner Verfügbarkeit verkaufte sich das iPad 2 mehr als 300.000 mal. Die Apple Produkte werden (leider auch von der Fachpresse) fortwährend als Referenz angesehen, an denen Mitbewerber gemessen werden, unabhängig von der Zielgruppe. HP führt die Übermächtigkeit von Apple vor allem auf dem Tablet Markt (den es zugegebenerweise auch mehr oder weniger im Mainstream-Bereich etabliert hat) direkt als Grund für den Ausstieg auf.

 

Aber kann man wirklich schon nach so wenigen Tagen solche Schlüsse ziehen? Natürlich waren die Verkaufszahlen gegenüber denen des iPads mehr als nur unterlegen, doch daran ist nicht zuletzt das mangelhafte bis sogar ausbleibende Marketing seitens HP schuld. In den USA mag es TV Spots und Print Werbung gegeben haben, aber international? Man korrigiere mich, aber ich wüsste von keiner Anzeige in Zeitschriften, Internet Werbung (und ich beschäftige mich viel mit dem Thema webOS) geschweige denn TV Werbung. Um es plump auszudrücken: Woher sollen die Leute denn überhaupt von dem Produkt wissen? Gleiches gilt für die Verfügbarkeit in Läden. Der Media Markt hatte es ausgestellt, Saturn konnte es wohl bestellen aber dann hörte es auch schon auf. Noch schlimmer war die “Markteinführung” des Pre 3, des neuen HP Flagschiffs in Sachen Smartphones, ein wirklich klasse Gerät, technisch sehr hochwertig und auch mit dem webOS System ausgestattet. Selbst in Szenekreisen war gerade nur bekannt, dass er wohl bestellbar wäre. Auch hier, keinerlei Werbung. Das Resultat war, dass es gerade mal die 8GB Variante auf den Markt schafft, 16GB und eine mögliche 32GB Version blieben vollkommen aus.

 

Nach der Pressemitteilung brach für viele eine Welt und zumindest für HP auch ein gutes Stück der eigenen Finazwelt ein. Binnen weniger Stunden sank der Wert der eigenen Aktie um über 20%, was einer Summe von gut 16 Milliarden US Dollar gleich kommt, und riss den amerikanischen Index “Dow Jones” um 45 Punkte mit sich nach unten. Die internationale Kundschaft war schlicht empört.

 

Der Schlag traf auch die eigenen Leute, die bis dato nichts von diesen Plänen wussten. Im Gegenteil, die Premium-Variante des TouchPads in weiß und mit 64GB Speicher wurde gerade veröffentlicht und gepusht. Eine kleinere Variante, das TouchPad Go war in Arbeit, genau so wie ein weiteres Smartphone im Pre 3 Format aber ohne Tastatur.

 

Neben einem Blog-Post von Stephen DeWitt, Oberhaupt der webOS GBU, veröffentlichte das US Magazin Engadget ein Interview mit ihm, in dem er sich zur Lage und der Zukunft von webOS äußerte – allerdings ohne viel neues zu berichten. Nach wie vor sollte die Hardware abgestoßen, das System allerdings weiterentwickelt und an Hardware Hersteller lizensiert werden. Konkrete Namen nannte er allerdings nicht.

 

In der Szene kursierten nun Gerüchte über Übernahmen von Samsung oder HTC, vor allem interessant war aber, was nun mit der bereits produzierten Hardware geschehen würde. Die Antwort kam von HP persönlich, die am folgenden Wochenende einen regelrechten Ausverkauf starteten. Das TouchPad mit 16GB Speicher, ehemaliger Preis waren 499$, wurde für 99$ verkauft, die 32GB Variante, ehemals 599$ wert, wechselte für 149$ den Ladentisch. Ohne wirklich im Vorfeld Werbung dafür zu machen waren alle Lagerbestände binnen weniger Stunden restlos verkauft – nicht nur im HP Store sondern landesweit bei Walmart, BestBuy und co.
Einen Tag später, am Sonntag schwappte der Ausverkauf nach Australien und lieferte das selbe Bild. Am Montag war es dann in Deutschland und Großbritannien soweit, allerdings wurde in unseren Breiten nicht nur das TouchPad sprichwörtlich verramscht, sondern auch sämtliche Smartphone-Modelle, darunter auch der noch gar nicht erschienene Pre 3.

 

Als der Verkauf hier kurz vor 12 startete brach für den HP Store sprichwörtlich die Hölle los. Binnen weniger Minuten waren die Server von dem enormen Ansturm an Käufern vollkommen überlastet und brachen schließlich zusammen, genau so die Telefon Hotlines, die sich auch bis spät in die Nacht hinein nicht wieder erholten. Peinlich für HP, die sich nach eigener Aussage ja nun vornehmlich um den Server- und Cloud-Bereich kümmern wollen. In diesem Zusammenhang ist dieser Servereinbruch natürlich doppelt so schlimm. Doch auch hier zu Lande ist das Ergebnis mehr als beeindruckend – komplett ausverkauft.

 

Der Clou an der Sache: Innerhalb von drei Tagen hat HP fast doppelt so viele TouchPads verkauft, wie Apple mit seinem iPad. Zugegeben, HP dürfte daran vorsichtig ausgedrückt nichts verdient haben, dafür ist innerhalb kürzester Zeit eine enorm große Userbase entstanden – die perfekte Voraussetzung für zukünftige webOS Produkte von zum Beispiel HTC. Es mag eine Unterstellung sein, aber als Marketingmaßnahme gesehen ist die ganze Aktion sehr erfolgreich. Sagen wir, HTC hat entsprechende Werbesummen gezahlt, dann ist diese Aktion eine sensationelle Werbung. Sensationell deshalb, weil durch die Tatsache, dass nur ein verhältnismäßig kleiner Personenkreis wirklich ein Gerät ergattern konnte, die restlichen Personen äußerst angefixt sind und auch eines haben möchten. “HP TouchPad” war lange ein Trending Topic bei Twitter und liegt bei den häufigsten Google Suchen weiterhin sehr weit vorn.

 

So sehr HP mit dieser Aktion die Fan- und Entwicklergemeinde auch vergrault hat, genau so attraktiv ist die Plattform webOS nun aber wieder für Entwickler geworden, weil ein extrem großer, hoch involvierter Nutzer- und damit App-Käufer-Kreis hinzugekommen ist.

 

Ich werde auf alle Fälle weiter bei der Plattform bleiben und ich glaube und hoffe, es tun mir viele gleich.

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